ICH WILL DIR ETWAS SAGEN

Turkish Chamber Orchestra - Leitung und Klavier: Betin Günes

"Respekt"- so lautet der Titel eines Musiktheaters mit Texten von Khalil Gibran. Betin Günes hat die Schauspielmusik zu dem gut eineinhalbstündigen Werk geschrieben. Es umfasst außerdem Ballett und Lesungen, die bei der Uraufführung von der türkischen Schauspielerin Renan Denirkan übernommen wurden. Für seine instrumentale Fassung hat Günes das Herzstück des Werkes, dessen Thema die Menschenwürde ist, herausgegriffen: Die Liebe. Um sie geht es im Mittelsatz, der schlicht "R9" betitelt ist. Eingerahmt wird das von Streichern dominierte Stück vom Ouvertüre und Finale der Theatermusik.

"Clanstr" - Betin Günes spielt gerne mit der Sprache. Der Titel seines eigens für die Essener Philharmonie komponierten Klarinettenkonzertes steht für "Klarinette und Streicher", kann aber auch als "Clanstraße" gelesen werden. Das Werk präsentiert sich zunächst als Instrumentalkonzert im traditionellen Sinne. Der erste Satz stellt die Streicher in den Vordergrund, der zweite führt das umfangreiche Schlagwerk vor, bricht aus allen Regeln und Polaritäten aus und bringt dabei eine Unmenge von Flaschen auf die Bühne, die den Klang beherrschen. Dazu kommen Passagen, die zur Improvisation einladen - da ist er, der Freiraum, der in Günes' Werken immer wieder entsteht. Der dritte Satz verbindet die Streicherklänge mit den Schlagzeugeffekten in einer Art Rondoform.

"HAYDAR HAYDAR" - In seiner Neukomposition des in der Türkei bekannten Stückes von Ali Ekber Cicek gibt Günes schon am Anfang in den Pauken einen Hinweis auf die Melodie des gesamten Stückes. Doch seine Version von "HAYDAR HAYDAR" ist - wie auch "Türkiyem" (das im 7/16-Rhythmus gespielt wird, der an der Schwarzmeerküste beheimatet ist) - kein bloßes Arrangement oder eine reine Bearbeitung. Es ist eine Konfrontation von Ost und West und der Versuch, eine aktuelle authentische Musiksprache zu entwickeln.

"Meerbusen" - Eine Auftragskomposition für die Bosporus-Universität. Das Werk wurde am 20. Oktober 2004 in Istanbul uraufgeführt. Betin Günes hat bei seiner Komposition Impressionen vom Bosporus in Musik  verwandelt.

"Babadapiya" - Das Stück stellt eine weitere Spielart der Günes'schen Kompositionsweise dar. Trotz der Vielzahl der in die Komposition integrierten Klänge umgibt ein verbindender Rahmen das Werk. Dieser Eindruck entsteht auch durch das stets präsente Pulsieren. Günes führt den Hörer auf einen Spaziergang durch die vielfältigen Sensationen, die die Welt zu bieten hat.

betin günes

Westdeutsche Zeitung:

Dann aber sprach die Musik. Die zehn Musiker vom Turkish Chamber Orchestra praktizierten mit der perfekten Vorstellung der Werke ihres Leiters, des Pianisten und Komponisten Betin Günes, Völkerverständigung ganz ohne Worte.

Mehrere Uraufführungen waren an diesem Abend zu erleben. Den stärksten Eindruck hinterließen Werke, die die Strukturen türkisch-orientalischer Musik mit westlichem Musikstil mischten.

"Türkiyem" etwa, wo verwundene Schleifenarkaden mit freitonalen Variationen im Kontrabass-Solo mit türkischer Trommel eine gelungene Symbiose eingingen. Oder "Haydar Haydar" im komplizierten treibenden Rhythmus, das, von Pauken und Trommeln unterlegt, in der Klavierstimme sanfte Melodik westlicher Prägung entwickelt. So kann sich eine aktuelle Musiksprache anhören, die zwischen Tradition und Moderne und zwischen Kulturen vermitteln will.

Besonders klangfarbenreich besetzt Günes das Schlagwerk. Ob klirrende Röhrenglocken, wummernder Gong, keckes Glockenspiel, virtuose Marimbaphon-Skalen oder heulendes Flexaton, nie bleiben die exotischen Klanggeber Selbstzweck, sondern binden sich wie unverzichtbar ins Musikgeschehen ein.